Landfunk 27-01-16

Brotgetreide mit weniger Düngung

Wenn Matthias Engel in seiner Backstube den Teig für sein Walnuss-Karotten-Brot mischt, tut er etwas Gutes für das Grundwasser der Region. Denn der 30-Jährige nimmt dafür ausschließlich Getreide, das weniger gedüngt wurde als haushaltsüblicher Weizen.

«Die Verarbeitung in der Backstube ist schon eine Herausforderung», gibt der Bäckermeister zu, während er gemeinsam mit seinem Vater am frühen Morgen den Teig zu kleinen 600-Gramm-Laiben formt und auf ein großes Blech legt.

Denn das Mehl hat einen geringeren Proteingehalt und der hat Auswirkungen auf die Stabilität des Teigs. «Man muss diesen Teig länger ruhen lassen, langsamer kneten und mit Vorteigen arbeiten. Man braucht dafür einfach mehr Zeit», zählt Engel auf.

Er war einer der ersten Bäcker, der 2014 bei dem deutschlandweit bislang einzigartigen Projekt mitgemacht hat. Mittlerweile beteiligen sich mehr als ein Dutzend Unternehmen der Branche sowie drei Landwirte und drei Wasserversorger aus der Region. Ins Leben gerufen hat das Projekt die Regierung von Unterfranken.

«Unterfranken hat die nitratreichsten Böden, obwohl hier im bundeslandweiten Vergleich am wenigsten mit Gülle gedüngt wird», sagt Regierungsdirektor Christian Guschker. Er leitet das Grundwasserschutzprojekt. Die Gründe für diese schlechten Werte sind der vergleichsweise geringe Niederschlag in Unterfranken sowie durchlässige und flache Böden. «Deshalb geht der Dünger schnell, unverdünnt und ungefiltert in das Grundwasser.»

Die Regierung habe deshalb das Ziel, schon an der Quelle etwas zu tun: bei den düngenden Landwirten. Drei Landwirte der Region düngen ihren Weizen mittlerweile nur noch zwei statt dreimal. Das hat Auswirkungen auf den Eiweißgehalt des Getreides. Der ist geringer. Deshalb erhalten sie von den Wasserwerken Ausgleichszahlungen für den Verlust, den sie bei den Mühlen machen. Denn für Weizen mit geringem Proteingehalt gibt es weniger Geld vom Müller.

Die Wasserversorger der Region nehmen bislang mehrere Hunderttausend Euro jährlich für Ausgleichszahlungen an die Grundwasserschutzbrot- und andere Landwirte in die Hand. 150 Euro gibt es pro grundwasserschonend bewirtschafteten Hektar. Und die Auswirkungen seien bereits spürbar. «Das merken wir in der Tat. Das Wasserschutzgebiet Sulzfeld Marktstedt war in den 90er-Jahren ein Problemgebiet. Nun haben wir über 15 Jahre hinweg den Nitratanteil unter 40 Milligramm pro Liter senken können», sagt Werkleiter Hermann Löhner von der Fernwasserversorgung Franken.

Für den Bund Naturschutz Deutschland ist dieses Konzept zumindest ein erster Schritt beim Grundwasserschutz. «Das ist ein Ansatz, der in die richtige Richtung geht», sagt Agrarreferentin Marion Ruppaner vom Landesverband Bayern. «Dennoch ist ein Bio-Brot, für das überhaupt kein Mineraldünger eingesetzt wird, schon besser», sagt die Expertin weiter. Das Projekt konzentriere sich zudem vor allem auf Trinkwasserschutzgebiete. «Wichtig wäre jedoch, den Grundwasserschutz auf allen landwirtschaftlichen Flächen voranzubringen.»

Für die Gesundheit bringt das Brot mit leicht geringerem Eiweißgehalt dagegen wenig. «Das dürfte keinen großen Unterschied machen», sagt Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. «Ungesund ist es aber sicherlich auch nicht, denn wir essen eher zu viel Eiweiß in unserer Kultur», so der Experte.

Wissenschaftlich betreut wird das Projekt vom bundesweit aktiven Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl). Das hat auch Backtests mit dem vermeintlich «schlechteren» Getreide gemacht. Das Fazit war deutlich: «Die Backtests haben ergeben, dass der Weizen mit verringertem Eiweißgehalt mehr als ausreichend für ein gutes Back-Ergebnis ist», sagt Fibl-Vermarktungsexpertin Nicole Nefzger.

Diese Information sei auch für die Landwirte und Müller wichtig. «Bislang stehen die Landwirte unter Zugzwang, entsprechend hochgezüchteten Weizen zu generieren», sagt Nefzger weiter.

Bei der Bäckerei Engel im unterfränkischen Retzstadt ist das frisch geknetete Grundwasserschutz-Brot nach 35 Minuten im 235 Grad heißen Ofen knusprig gebacken. Noch während des Backens in den frühen Morgenstunden hatten Kunden telefonisch mehrere dieser Brote vorbestellt. «Das Brot ist nach fast zwei Jahren mittlerweile fest im Sortiment etabliert. Wir backen wöchentlich rund 60 bis 70 Brote», sagt Bäckermeister Engel.

2016 will er auch andere Produkte mit dem besonderen Mehl backen. Dafür hofft er auf mehr teilnehmende Landwirte und gutes Wetter. «Denn das Getreide ist ein Naturrohstoff und wir sind extrem flächen- und wetterabhängig. Und bislang gibt es meiner Meinung nach zu wenige Anbauflächen dafür.» So könnten auch Ernteausfälle schlecht ausgeglichen werden.

Weniger Angler in Berlin und Brandenburg

Die Zahl der Hobbyangler in Berlin nimmt immer weiter ab. 22.985 Fischereischeine seien Mitte Dezember gültig gewesen, teilte die Umweltverwaltung auf Anfrage mit.

Damit habe sich die Zahl innerhalb von zehn Jahren um rund ein Fünftel verringert, sagte Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) der Deutschen Presse-Agentur.

Bei Jugendlichen schwinde das Interesse ebenso: Nur rund 260 Scheine für sie sind laut Berliner Umweltverwaltung derzeit gültig. Auch im seenreichen Brandenburg werden den IGB-Forschern zufolge im Vergleich zu Mecklenburg-Vorpommern besonders wenige Jungangler registriert - was aber auch daran liegen kann, dass die Jugend ohne offizielle Erlaubnis angeln geht.

Am Institut entstand kürzlich eine Untersuchung mit Befragungen zum Thema Angler in Nordostdeutschland. Diese zeigte auch: Wer noch angelt, der ist umso mehr bereit, für das Hobby zu reisen und Geld auszugeben. «Unsere Befragungen belegen, dass vor allem Brandenburger und Mecklenburger Binnenfischer wirtschaftlich von der Angelbeteiligung durch Berliner Angler profitieren», sagte Arlinghaus.

Potenzial für Verbesserungen sehen die Forscher in Berlin und Brandenburg: Behörden und Verbände könnten die Angelei dort attraktiver machen, gerade für Kinder, so ein Fazit. Angler wollten der Untersuchung nach einerseits Naturerfahrungen und geselliges Angeln, legten jedoch auch Wert darauf, Großfische fangen zu können. Bei der Bewirtschaftung von Gewässern sehen die Forscher diese Bedürfnisse nicht immer berücksichtigt.

Den IGB-Befragungen zufolge ist für Berliner Angler problematisch, dass einige Gewässer und Angelstellen schwer zugänglich seien. Angler in Brandenburg monierten demnach vor allem mangelnde Fänge. Deshalb wichen viele nach Mecklenburg-Vorpommern oder ins Ausland aus. Erfolgserlebnisse halten die Forscher beim Angeln für zentral: «Angler sind wie Fußballfans», hieß es.

Kein Lametta mehr aus deutscher Produktion

Einst ein Klassiker der Weihnachtsdeko, heute ein Auslaufmodell: Lametta ist nicht mehr gefragt an Weihnachtsbäumen.

Der letzte Hersteller in Deutschland hört mit der Produktion der weihnachtlichen Glitzerfäden auf.

«Wir haben 2015 das letzte Lametta produziert», sagte Walter Enzenhöfer, Verkaufsleiter beim Unternehmen Riffelmacher & Weinberger im fränkischen Roth. Derzeit seien noch Restbestände im Handel, doch dann «wird es nicht mehr in Deutschland produziert», sagte Enzenhöfer.

Er begründete den Ausstieg aus der Lametta-Produktion mit der nachlassenden Nachfrage. Er weine dem Lametta jedoch keine Träne nach, sagte Enzenhöfer. Stattdessen kämen nun neue Weihnachtsprodukte auf den Markt - etwa Girlanden aus Kunststoff.

Das fränkische Unternehmen produziert seit mehr als 90 Jahren unter anderem Weihnachtsschmuck. Mit dem Ende des Lamettas aus Stanniol endet in Roth eine Jahrhunderte alte Fertigungs- und Wirtschaftstradition. Dort gab es einst mehrere Fabriken, die Lametta produzierten. Die Stadt war das Zentrum der sogenannten Leonischen Industrie, in der Feinmechaniker Metalldrähte und -fäden verarbeiteten - etwa zu Schmuck und Lametta.

Übrig blieb nur Riffelmacher & Weinberger. Das Unternehmen verarbeitete einst bis zu 50 Tonnen Material jährlich. Zuletzt seien es noch ein paar Hundert Kilo gewesen. Mittlerweile wird der meiste Weihnachtsschmuck in China hergestellt.

Das Rohmaterial hatte Riffelmacher & Weinberger von der hessischen Firma Eppstein Foils übernommen und daraus Lametta gefertigt. Die Restbestände seien nun abverkauft worden.

Eppstein Foils selbst stieg bereits Ende 2014 aus der Lametta-Produktion aus, wie Horst Fischer vom Vertrieb erzählt. Zum Schluss stellte die Firma nur noch zwei bis drei Tonnen im Jahr her, früher war es das Vielfache davon. «Aber es hat sich nicht mehr rentiert, das hängt sich ja niemand mehr an den Weihnachtsbaum.» Früher sei die Lametta-Fertigung ein Hauptzweig der Firma gewesen, die nun vor allem Blei-und Zinkfolien herstellt.

Schon 1978 wusste Opa Hoppenstedt in Loriots Sketch «Weihnachten bei Hoppenstedts»: «Früher war mehr Lametta.» Schon seit einigen Jahren werde Lametta kaum noch nachgefragt, heißt es in der Branche.

«Lametta ist völlig out», sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur in Köln, Thomas Grothkopp. Das gelte schon seit einigen Jahren. Lametta sei für viele altmodisch, dazu komme der Trend zu nachhaltigeren Produkten, z.B. aus Holz.

Der größte Umsatzbringer beim Weihnachtsschmuck seien Christbaumkugeln. Nach wie vor gut nachgefragt werden auch Kerzen, ein neuer Trend seien zum Beispiel Lichterketten mit LED-Technik. Genaue Zahlen gebe es allerdings nicht. Der weitaus größte Teil der Weihnachtsartikel werde in Asien produziert, vor allem in China.

Warmer Winter begünstigt Varroamilbe bei Bienen

Die Imker haben aufgrund der extremen Wetterbedingungen ein turbulentes Jahr hinter sich.

«Durch diese Wärme hatten wir relativ schwierige Bedingungen. Es war ein verrücktes Jahr», sagte Bienenexperte und Biologe Stefan Berg von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG). In manchen Regionen hätten Imker deshalb nur wenig Honig erwirtschaften können.

«Tiere und Pflanzen waren im Trockenstress», sagte Berg der Deutschen Presse-Agentur. Das habe sich schließlich am Ertrag bemerkbar gemacht.

Zudem könnten auf die Bienenhalter in den kommenden Monaten noch weitere negative Auswirkungen des milden Dezembers zukommen. «Die relativ warmen Temperaturen haben uns den Kampf gegen die Varroamilbe erschwert», so der Leiter des LWG-Fachzentrums für Bienen. Der Parasit, der sich im Bienenstock vermehrt, die Brut befällt und die Tiere schwächt, müsste eigentlich zu bestimmten Zeiten bekämpft werden: im Juli/August und zur brutfreien Zeit gegen Jahresende.

«Doch im Sommer waren die Temperaturen zu hoch für den Einsatz von natürlichen Mitteln wie Ameisensäure und zum Jahresende war es so warm, dass die Völker nicht brutfrei waren. Deshalb konnten sie nicht effektiv behandelt werden.»

Der Experte geht deshalb davon aus, dass wahrscheinlich mehr Varroamilben in den Bienenstöcken übrig bleiben als sonst. «Das erschwert natürlich die Startbedingungen im Frühjahr. Da müssen die Imker aufmerksam sein.»

Die Imker müssten aufgrund der unterschiedlichen Wetterbedingungen ohnehin zunehmend mehr Flexibilität mitbringen. «Sie müssen einfach ganz genau hinschauen und einen flexiblen Zeitplan haben», so Biologe Berg. Ein strenges Abarbeiten des Lehr- und Zeitplans sei mit Blick auf die Klimaveränderungen nicht mehr zeitgemäß.

UBA sieht Risiken im chemischen Pflanzenschutz

Das Umweltbundesamt (UBA) rät in einem „5-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz“ zum Umdenken beim Pflanzenschutz auf dem Acker.

„Chemischer Pflanzenschutz ist ohne Zweifel risikobehaftet, denn wenn die Mittel wirken, dann nicht ohne Nebenwirkungen für die Umwelt. Deshalb können viele der Mittel nur mit hohen Umweltauflagen zugelassen werden.“

„Besonders wichtig ist, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln insgesamt deutlich zu minimieren und stärker auf Alternativen zu setzen. Immerhin werden die Mittel großflächig in erheblichen Mengen ausgebracht – etwa 100.000 Tonnen pro Jahr in Deutschland“, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger.

Der massive Einsatz von Ackergiften lässt die Tier- und Pflanzenwelt auf Feldern und Wiesen immer weiter verarmen. Denn die meisten dieser Gifte wirken nicht nur auf die Schädlinge allein. Beispiel Rebhuhn: Weil Pflanzenschutzmittel auch Ackerkräuter und Insekten vernichten, finden die Rebhühner nicht genügend Nahrung für sich und ihren Nachwuchs.

Für Maria Krautzberger ist klar: „Der massive Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel ist einer der Hauptgründe für den Verlust der biologischen Vielfalt auf unseren Äckern. Dass es anders geht zeigt der Ökolandbau, der weitgehend auf Pflanzenschutzmittel verzichtet. Mit unserem 5-Punkte-Programm wollen wir vor allem ein Umdenken bei der konventionellen Landwirtschaft anstoßen. Wir definieren fünf Grundprinzipien für einen für die Umwelt nachhaltigen Pflanzenschutz und geben Empfehlungen, wie diese konkret umgesetzt werden können.“

Nötig seien neben der Minimierung des Einsatzes vor allem Änderungen in der Risikobewertung und im Risikomanagement von Pflanzenschutzmitteln. Hierzu zählt für das UBA insbesondere die bessere Berücksichtigung der Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in der Zulassungspraxis: Für die Biodiversität gefährliche Mittel sollten nur dort eingesetzt werden dürfen, wo genügend unbehandelte ökologisch wertvolle Flächen vorhanden sind.

Unvermeidbare Auswirkungen auf den Feldern, wie beispielsweise die Störung der Nahrungsketten beim Rebhuhn oder bei anderen Tierarten, könnten somit weitestgehend ausgeglichen werden. Für eine verbesserte Risikobewertung ist es zudem wichtig, einzelne Pflanzenschutzmittel nicht isoliert zu betrachten. „Denn es ist nicht das einzelne Pflanzenschutzmittel“, erläutert Maria Krautzberger, „sondern der intensive Einsatz in seiner Gesamtheit, der ökologisch nicht nachhaltig ist und unsere Tier- und Pflanzenwelt gefährdet.“

Weiterhin sieht Krautzberger eine Risiko-Nutzen-Diskussion als geboten: „Wir kommen nicht umhin, auch darüber nachzudenken, wer die Kosten, die der chemische Pflanzenschutz durch Schäden an der Umwelt anrichtet, tragen soll. Bislang sind das vor allem die Steuerzahler. Das sollten wir ändern.“

Eine Möglichkeit könnte eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel sein, die jüngst von Länderseite und von Forschungseinrichtungen ins Spiel gebracht wurde; sie würde das Verursacherprinzip auch beim Pflanzenschutz umsetzen. Wichtig dabei ist, dass die Gelder für eine nachhaltige Gestaltung des Pflanzenschutzes und Kompensation der bereits entstandenen Schäden eingesetzt werden.

Größtes Wasserkraftwerk soll an der Aller entstehen

Nahe der beschaulichen Lüneburger Heide könnte ein industrielles Großprojekt die Wasserwirtschaft revolutionieren.

An der Aller bei Bannetze planen Wissenschaftler der TU Braunschweig mit Stahlspezialisten der Salzgitter AG ein gigantisches Hochleistungswasserrad - groß wie ein Einfamilienhaus. Samstag ist Baustelleneröffnung.

Ende 2017 soll das Elf-Millionen-Euro-Projekt in Betrieb gehen und Perspektiven der Energiewende aufzeigen - neben Wind- und Solarkraft. Trotz der grünen Aussichten üben Naturschützer auch Kritik.

Das Wasserkraftrad mit 11 Metern Durchmesser, 12 Metern Breite und 60 Schaufeln wird den Organisatoren zufolge das stärkste weltweit sein. Es soll 1.000 Haushalte versorgen können und die bisher schwächelnde Wasserkraft im Norden beflügeln. «Wenn das Projekt erfolgreich ist, wäre das eine technische Revolution», sagt TU-Forscher Christian Seidel.

Da Flüssen wie Aller oder Leine trotz großer Durchflussmengen die nötige Fallhöhe fehle, seien Wasserkrafträder dort bisher im großen Stil nicht zu nutzen. Seit zehn Jahren arbeiten die TU-Tüftler an der Wende. Auf Materialseite arbeitet ihnen mit Salzgitter AG Deutschlands zweitgrößter Stahlkocher zu. Der Konzern ist Generalunternehmer bei dem Projekt, zahlt die Hälfte der Kosten (5,5 Millionen Euro) und darf den Strom später vermarkten. Den Rest fördern Land und Bund.

Nach Angaben von Ingenieur Seidel enden Wasserräder bisher bei sechs Kubikmetern Durchlauf pro Sekunde. Das Aller-Kraftrad schafft zehnmal so viel. Seine Drehmomentkraft entspricht der von 3.200 Porsche-911-Sportwagen.

Laut Fraunhofer-Institut ist der Ertrag der Wasserkraft hierzulande seit 1990 nahezu unverändert. Ihr Anteil am Erneuerbare-Energien-Mix schrumpfte zuletzt auf 13 Prozent, da Wind und Sonne wachsen.

Vorteil der Wasserkraft: Sie soll grundlastfähig sein, also anders als unstete Wind- und Solarkraft herkömmliche Kraftwerke tatsächlich ersetzen können, nicht nur ergänzen. Den Fraunhofer-Forschern zufolge übertrumpft die Wasserkraft die Meeres-Windkraft bei der wichtigen Vollauslastung pro Jahr etwa um den Faktor 1,5. Wind an Land und vor allem die Solarkraft seien im Vergleich sogar noch viel schwächer.

Trotz der Superlative in der norddeutschen Tiefebene: Umweltschützer wie der BUND und die Aller-Oker-Lachsgemeinschaft fürchten Schäden am Fischbestand. Der Landessportfischerverband (LSFV) lehnt das Vorhaben sogar ab.

Die Genehmigungsbehörde, der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), will beruhigen: Räder seien fischschonender als Turbinen. «Nach den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen» hätten Fische, besonders die gefährdeten Lachse und Meerforellen, wegen der langsamen Drehung nicht viel zu befürchten.

Drei Jahre Monitoring am fertigen Rad sollen Gewissheit bringen. Im Modell hat Seidel schon mit gummierten Styroporfischen gearbeitet. Nicht einmal jeder Hundertste Fisch war lädiert. Zudem gibt es beim Rad und seinem Wehr Fischtreppen als Alternative. Doch Ideallösungen bilden die nie, das ist unumstritten. Ingenieure und Naturschützer ringen nun für den Bau der Anlage um Kompromisse bei Spaltmaßen und Fischgittergrößen. Sie gehen meist auf Kosten der Anlagenleistung.

Naturschützer fürchten, das Projekt sei politisch zu gewollt, um aus anderen als technischen Gründen noch scheitern zu können. Der NLWKN sagt, weil alle Prüfungen vorab schon derart positiv waren, «enthält der Beschluss keine Regelungen für einen eventuellen Rückbau».

Die Salzgitter AG müht sich bei Hademstorf nahe Schwarmstedt schon um Standort Nummer zwei. Dort soll es mit den Erfahrungen aus Bannetze um die Kostenoptimierung der Radtechnologie gehen. «Für den Standort Hademstorf gibt es noch kein Zulassungsverfahren», sagt der NLWKN.

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