Mein Wort an die Bauern

Liebes innovatives Bauernvolk,

Euch muß doch klar sein, daß ich nicht auf Eure Befehle direkt antworte, denn bei der Erwartung müßtet Ihr mich ersteinmal fürstlich entlohnen. Und wenn hier jetzt jemand denkt, ich würde hier kostenfreie Tips geben, wie es besser geht - auch das nicht. Ihr habt doch Agrarwissenschaften studiert und habt die Erfahrung. Alle anderen - eingeschlossen ich - sind Deppen, wenn sie behaupten, daß die heutige landwirtschaftliche Qualität nichts taugt, weil - und genau diesen Punkt lasse ich offen. Soviel: Pflanzenschutzmittel hört sich verdammt toll an. Bei diesem Ausdruck nimmt nämlich niemand wahr, daß es sich dabei um reines Gift handelt. Was nützen da irgendwelche albernen Vorschriften, die eingehalten werden müssen? Was bringen Grenzwerte, die nach Belieben hochgeschraubt werden, wenn sie nicht mehr passen? Was bringt gentechnikverseuchtes Kraftfutter, wo bis heute kein Mensch weiß, welche Spätfolgen das für das gesamte Leben hat? Wer von Euch kennt die Antworten?

Ich habe unter anderem für einen regionalen Selbstvermarktungsverein die Öffentlichkeitsarbeit gemacht und dabei gleich zwei ganz blöde Aspekte erleben müssen: Die ewig nörgelnden Bauern (die Imker waren seltsamerweise immer zufrieden) und einen seltsamen Chef, der im Hauptberuf an der Michelsenschule (Landwirtschaft) Hildesheim den angehenden Landwirten Betriebswirtschaft beibringen sollte. Seitdem weiß ich, warum die Bauern immer einen Grund zum Jammern haben. Sie verstehen nämlich nichts von freier Marktwirtschaft und Betriebswirtschaft. Denn sie machen sich abhängig von denen, die ihnen den Preis diktieren. Und das sind keineswegs die Verbraucher, denn die kommen ja nur per Zufall mit einem Bauern in Berührung. Siehe Mühlen, Zuckerfabriken, Molkereien, Kartoffelgrossisten, Schlachthöfe - sie alle diktieren die Preise, denn auch die wollen nur eins: Gewinn, Gewinn, Gewinn. Der Bauer bekommt das ab, was die diktieren. Und der Verbraucher zahlt nach deren Diktat. Am Ende haben beide nur den Einfluß - der Bauer liefert nicht, der Verbraucher kauft nicht. Es gibt also nur Verlierer.

Ein Bauer - übrigens Bio - hat mir vorgeworfen, die Arbeit am Computer sei keine Arbeit. Als ich erwiderte, daß es auch keine Arbeit sei, den ganzen Tag mit dem Trecker über den Acker zu fahren, sprang der über sämtliche Tische der Michelsenschule. Ich habe dann für die restlichen Monate meines Vertrages beschlossen, für diesen Verein nichts mehr zu tun und bin bei einem Mitglied jeden Tag Angeln gewesen. Gewässerkunde habe ich das diesem Ahnungsloslehrer gegenüber genannt. Seit fast 10 Jahren mache ich eine wöchentliche Radiosendung, die Landfunk heißt und alle Themen abdeckt, die damit in irgendeiner Form zu tun haben.

In allen Bereichen habe ich gesehen, daß Bauern sich nur bewegen, wenn es gegen sie geht, also Kritik an den heutigen Methoden in der Landwirtschaft und die damit verbundene absolute Abhängigkeit, die ein eigenes Handeln in eine andere Richtung gar nicht mehr zuläßt. Darum wird das auch als Richtig und Gut verkauft. Und darum sind Vorschläge, wie es anders und besser gemacht wird (werden kann), auch völlig sinnlos. Wir, der Verbraucher und auch der Bauer, haben uns in eine Abhängigkeit katapultieren lassen, aus der wir von heute auf morgen nicht mehr so einfach und vor allem schadlos rauskommen. Beide müssen so handeln, wie sie es tun, um zu überleben. Und am Ende sitzen die Konzerne und reiben sich die Hände.

Landwirte können selbstverständlich etwas ändern. Übernehmt wieder mehr Risikobereitschaft und stellt auf Bio um. Überzeugt Handel und Verbraucher von der Qualität Eurer Produkte und - vorallem - der weitgehenden Schadstoff-Freiheit. Vermarktet wieder selbst und entzieht Euch der Abhängigkeit von Grossisten, Riesenmolkerein, Handelsketten, Massenschlachtungsanstalten, Zuckerfabriken, Großmühlen, die Euch vorschreiben, wie Ihr was in welchen Mengen zu welchen Preisen zu produzieren habt und wann Ihr das abliefern dürft. Und glaubt mir:

Bauersein ist mehr, als nur Treckerfahren und wissenschaftliche Formeln auf dem Acker oder im Stall umzusetzen. Bauersein ist Leidenschaft für ein Produkt, das noch zu Recht den Namen „Lebensmittel“ verdient. Ihr seid die erste Stufe in der Produktionskette, die bereits vieles zusetzen, was in der Natur nicht vorgesehen ist, nämlich massenhaft Chemie. Damit liefert Ihr schon kein reines Naturprodukt mehr ab. Und um das komplett zu machen: Den Rest schafft die verarbeitende Industrie, die aus Euren Produkten für die Ernährung wertlose Magenfüllstoffe machen und damit das meiste Geld verdienen. Denkt mal drüber nach, wenn Ihr wieder einsam auf dem Trecker sitzt und Scholle für Scholle abfahrt...

Manchmal ist es sogar sinnvoll, sich professionell beraten zu lassen. Ich bekomme für diesen Tip übrigens keine Tantiemen

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